Wolfgang Eicher
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Verloren im Spiegeln
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Sub-Headline:
Die Liebe ist ein Kirschbaum, der blüht. Rosa Blüten sprengen die einengenden Knospen. Wunderschön öffnen sie sich und richten sich an der Sonne aus. 
Bereich:
Roman
Bild:
Verloren im Spiegeln
Beschreibung:
Das Licht kommt direkt auf mich zu. Es ist eine Taschenlampe. Jemand hat mich entdeckt. So etwas passiert selten. Ich bin Meister im Verstecken. Derjenige muss ein Meister im Finden sein. Er blendet mich mit seinem Licht. Ich möchte schreien. Will er mich retten? Ich bin doch gar nicht in Gefahr! Ich bin nur ins Abseits geraten. Er will mich sicher zurückholen in seine Welt. Warum unterscheiden sich die Welten?
Er ist schon ganz nahe. Ich kann seinen Atem hören. Ohne sein Licht würde er sich wohl niemals hierher trauen. Weit draußen ist es, wo wir uns begegnen. Ob er mich direkt ansprechen wird? Oder einfach nur mich packen und zurückzerren? Ich erstarre im Augenblick. Dabei kann mir nicht wirklich etwas passieren. Das Schlimmste wäre das weiße Haus. Das kenne ich schon. Ist nicht schlimm. Tieferes haben sie nicht gefunden, um Menschen wie mich zu behandeln.
Jetzt ist er da. Er blendet mich. Er sagt nichts. Steht einfach nur da und blickt ungläubig in mein Gesicht. Ich sehe ihn nicht. Sein Licht ist zu stark. Schon bin ich gefangen. Gerne würde ich jetzt sein Gesicht studieren. Das geht nicht. Es ist ein wenig unfair.
Er erkennt mich nicht. Der Ort jedoch bezeugt die Wichtigkeit seines Unternehmens. Ist es ein Professioneller? Ist es nur Zufall? Ich weiß es nicht. Könnte er einer wie ich sein? Das gibt es nicht. Ich friere beim Anblick seiner Gestalt, die sich hinter dem Licht leise abzeichnet. Er scheint kräftig zu sein, kräftig genug um mich zu packen und zurückzuzerren. Er tut jedoch nichts dergleichen. Steht einfach nur da und gafft mich an. Was glaubt er, wer ich bin? Dabei bin ich sicher, er erkennt mich nicht. Ich bin in einer Weise unsichtbar, da kann er gaffen was er will. Meine Dunkelheiten bleiben ihm verborgen. Die habe ich gut versteckt hinter der Maske meiner äußerlichen Erscheinung. Oder ist er einer der Wenigen, die hinter die Fassade blicken können? Ist seine Taschenlampe stark genug? Doch es ist gerade das Licht, das ausleuchtet, was mich unsichtbar dastehen lässt. Das war schon immer so.
Jetzt erstarrt der Augenblick. Im Sog der fehlenden Möglichkeiten passiert das Nichts. Könnte er umdrehen und alles bei sich behalten? Das geht jetzt nicht mehr. Er muss etwas tun. Die Nähe seiner Erscheinung lässt kalte Schauer über meinen Rücken gleiten. Von ganz innen streben sie nach außen, um dort in der kalten Luft eine Aura entstehen zu lassen, die das Ganze aus einer gewissen Entfernung überblickt.

Ich bin nicht alleine. Ich habe mich. Die Spiegel beweisen das.
Hier draußen jedoch sind die Spiegel fern. Habe ich mich zu weit hinausgewagt? Ich war schon weiter, tiefer hier. Ich kenne mich aus. Ohne Lampe finde ich den Weg. Es ist bekannt. Es ist heimelig. Das versteht er sicher nicht.
Soll ich mein Wort an ihn richten? Wo jedes Verständnis fehlen wird? Er ist nicht mein Bruder! Ich habe keine Geschwister. Seine Brüderlichkeit geht zu weit. Sein Eindringen ist ein Akt der Gewalt.
Gewalttätigkeiten auf der Erde habe ich schon oft erlebt. Das überrascht mich nicht. Seine Lampe jedoch soll er senken. Damit wir uns in einer Höhe gegenüber stehen können! Das Gefälle, das durch das Licht entsteht, ist gewaltig. So kann keine Verständigung erfolgen! Er gibt jedoch nicht auf, mich zu blenden.
Was glaubt er, was er erreichen kann? Was ist seine Intuition? Warum ist er hier? Warum bin ich hier? An einem Ort, der unwirtlich ist. Kein Mensch wagt es, so weit hinaus zu gehen. Ich bin hier der Erste.
Warum aber ist er mir gefolgt? Soll ich ihm zeigen, was ich entdeckt habe? Es ist nicht geeignet für nette Gespräche! Die Welt dahinter beobachtet uns.
Oder sind wir beide entrückt? Ist der Grund seines Daseins, dass ich ihm meine Dunkelheiten zeigen soll? Dann soll er die Lampe ausschalten! Erst danach werde ich es wagen, meine Geschichte zu erzählen. Noch aber steht er steif da, die Lampe ist weiterhin auf mich gerichtet. Sie verunmöglicht jedes klärende Gespräch.

Dann macht er etwas Eigenartiges. Er dreht sich um. Er beleuchtet die Umgebung.
Will er sich überzeugen, dass wir alleine sind? Hier? Will er mich umbringen? Ist Mord seine Absicht? Ich habe aber keine Angst. Seine Schultern jedoch sind breit. Er ist ein kräftiger Typ. Schon steht er wieder vor mir, er hat sich einmal um sich selber gedreht. Ich bin nicht davongelaufen.

Manchmal habe ich das Bedürfnis, es allen zu zeigen.
Ich könnte freundlich zu ihm sein. Der Moment jedoch widerspricht.
Verständnis zu zeigen ist nun aber nicht der Ausweg. Vielmehr müssen die Gefühle herhalten. Die Situation spannt sich langsam in die Länge.
Das Wetterleuchten belichtet die Szenerie.
Plötzlich erkenne ich ihn. Er ist ein Wellenreiter. Er ist ein Mitläufer, der sich verirrt hat. Er ist verloren im Spiegel. Vielleicht sollte ich anbieten, ihn zurückzuführen in seine heile Welt? Er hat hier nichts verloren! Er gehört nicht hierher. Ich sollte bitte sagen, ihn an der Hand nehmen. Ich weiß den Weg. Er jedoch, als er erkennt, dass seine Tarnung aufgeflogen ist, beschließt ein wenig zu bleiben. Er bietet seine Freundlichkeit an, was ich nicht erwartet habe. Er versucht, mich zu ertasten, verliert sich jedoch in jener Dunkelheit, die seine Lampe nicht auszuleuchten vermag. Er riskiert viel. Vielleicht verändert die Situation gerade sein Leben. Das wäre nicht meine Absicht gewesen. Dennoch gleitet im weiten Raum des Hier und Jetzt ganz langsam eine Entspannung in die Situation. Vielleicht steckt doch ein Sinn dahinter? Ob er wirklich gewillt ist, mich zu berühren?
Plötzlich finde ich es schön, dass er da ist. Schon will ich ihn anreden, da schaltet er die Lampe ab. Was soll das jetzt bedeuten? Im Dunkeln stehen wir uns gegenüber. Ich erkenne seinen Körper nur schemenhaft.
Dann gibt er mir seine Lampe, dreht sich um und geht.
Dunkelheit, Tiefgang und Fantasie bleiben.